Texte


Die Bank der Grundsicherung

Der Gedanke, nun zur Bank zu gehen, erfüllt mich mit innerer Anspannung. Etwas Freude ist in dieser Anspannung, die Freude des Verbotenen, des Anstoßens einer Idee, die sich nun über Jahrzehnte aufgeladen hat. Angespannt bin ich aber auch, weil die Idee nun wahr wird. Und angespannt bin ich auch, weil die Bank mir vielleicht den Kredit nicht gibt, den ich mir wünsche. Meine Einkünfte aus der Rente sind ja sehr überschaubar. Meine Rücklagen sind es auch. Aber insgesamt sollte es reichen, 30.000 EUR sollten es sein, der sogenannte "Rahmen" des Wunschkredits. Davon kann ich mir all das kaufen, was ich zum Reisen benötige. Ich wünschte nur, ich wäre jünger. Dann wäre in der Freude noch etwas vermischt, das nun nicht mehr da ist, das keinen Platz mehr findet in einem in die Jahre gekommenen Bewusstsein. Eine Naivität. 
 
Bei der Bank angekommen wirkt die Mikrodosis LSD, die ich zur Beruhigung genommen habe. Und auch das Psylocibin, das ebenfalls mikrodosiert durch meine Adern fließt. Angenehm, ein kurzer Moment des Schwebens in alle Richtungen gleichzeitig, ehe meine innere Anspannung doch etwas durchdringt und meine Ratio zum Übernehmen drängt. Immerhin ist der Fluchtimpuls fast gar nicht vorhanden und darum ging es mir im Wesentlichen beim Mikrodosieren. Dieser elende Fluchtimpuls. Er hätte mich vor 20.000 Jahren mutmaßlich des Öfteren gerettet, nun ist er eine voluminöse Stahlkette tief in einer endlos dicken Wand verankert, der Fluchtradius war stets am Kleinsten. Eine universelle Beobachtung, es betrifft einfach die meisten. Fast alle. Aber diese Gedanken sind nun müßig, eine Gedankenwelt von gestern, für die es nie eine Entsprechung gab. Und jetzt sowieso nicht mehr. Ich gehe in die Bank.
 
"Für was soll der Kredit denn sein?" werde ich gefragt. "Naja", stammel ich und würde so gern die Wahrheit sagen, mir liegt das Ehrliche (das ja nicht immer wahr ist, manchmal ganz im Gegenteil) und ich würde so gern darüber reden, was mich bewegt. Genau aber darum geht es. Das geht ja eben nicht, nicht in einer bürokratisierten Welt und das weiß jede und jeder, auch ohne von Kafka je etwas gehört zu haben. Dementsprechend antworte ich: "Anschaffung eines altersgerechten Autos, das mir möglichst sicher und komfortabel den Lebensabend erleichtert. Die Rücklagen reichen nicht aus, um es zu bezahlen und ich möchte keinen teuren Finanzierungskredit im Autohaus aufnehmen, dann lieber das zinsarme Sonderangebot der Bank, das ist günstiger, ich habe das Geld dann sofort, bin damit auch gleich Premium-Kunde beim Autohaus, die ja nicht wissen, das ich Rente auf Grundsicherungsniveau empfange, und werde nicht zur Bonitätsprüfung eine halbe Stunde vor einem kaputten Kaffeeautomaten zum wartenden Verweilen genötigt, um mir dann stirnfaltenwerfend und meine Erscheinung nochmal musternd den Kredit zugebilligt zu bekommen." Es platzt etwas zu viel zu schnell und etwas zu frustriert aus mir heraus. Obwohl ich mehrfach geübt habe, mit der Klarheit eines Managers zu agieren, der seinen Mitarbeitern den Begriff der Freisetzung mit wenigen pastelligen Sätzen utilisiert.
In einer aufschäumenden Verfassung fatalistischer Ergebnisoffenheit werfe ich noch ein paar Sätze über ein schönes Leben und einen sinnvollen Lebensabend hinterher, höre mir selbst dabei nur sehr oberflächlich zu, aber sehe im Gesicht des bankangestellten jungen Mannes Verständnis durchscheinen und entschließe mich nach den Ausführungen zum Schweigen, um die Wirkung meiner offenbar verfangenen Worte nicht zu gefährden. Der junge Mann verlässt den Raum, der Kaffeeautomat hinter ihm blinkt mit roter Leuchte, wenngleich ein Kaffee jetzt toll gewesen wäre, und lässt mich knapp 5 Minuten warten. Seine Freude scheint mir echt zu sein, als er, kaum durch die Tür geschritten, verkündet, dass man da keine Probleme sehe. 30.000 EUR sind machbar, ein paar kleinere Sicherheiten könne man ja bieten, die Rente bspw., auch die kleine Mini-Betriebsrente wie auch den urelterlichen Schmuck, der im Zweifel monetarisierbar sei. Der Kredit sei in spätestens einer Woche auf meinem Konto. In zwei Wochen geht mein Flug, denke ich, das wird dann wohl passen. 
 
Ich setze mich in ein Café. Ich habe oft in Cafés gesessen im Leben. Das wird nicht mein letzter Cafébesuch sein, ein paar werden noch folgen. Ich denke an den Flug, frage mich, wie die Sonne über den Wolken wohl auf mich wirken wird. Wie die Wärme der Sonnenstrahlen wirken wird, wenn ich der Sonne ein letztes mal so nah bin, wie das sonnengewärmte Wasser in diesen endlos haltbaren durchsichtigen Plastikbechern wohl schmeckt. Ob es bewölkt sein wird, wenn ich lande und ob die Halle der Gepäckausgabe dann erfrischend kühl sein wird nach all der Sonne oder eine blasskalte Hülle, gefüllt mit heimlicher, müder Popmusik. Ich werde wenig vermissen, denke ich. Nur kleine Momente innerhalb von Momenten, diese kleinen Sekundenbruchteile, die eine ganze Welt waren. Die Freude auf diese Reise ist die gleiche Freude, die ich bei alle Reisen hatte. Schön, dass es diese Freude gibt.